Von Essen bis Hamburg: Die Regierungs Platten-Story

Die Regierung „Supermüll“ – LP – Elfmeter Records – 1984

Ich hatte 1982 oder so die Regierung als eine ein Mann Band gestartet, vorwiegend mit einem Korg MS20 und einer Rhytmusmaschine, die ein Mitglied von Tangerine Dream damals baute, das war ja die Zeit, in der die Leute viel über das Ende der Gittarre geredet haben und ich war damit durchaus einverstanden.

Ich hab 2 oder 3 Cassetten veröffentlicht, die ganz gut ankamen( es gab sogar eine ziemlich gute Kritik im Melody Maker !). Dann hab ich die Ramones und the Damned für mich entdeckt und mochte den Synthesizer irgendwann einfach nicht mehr leiden und hab dann angefangen Gitarren-Sachen aufzunehmen, immer mir der Tastenkombination Rock 1 der Tangerine-Dream Box.

Na ja, irgendwann wollte ich auch mal eine Platte machen, das Problem war nur, dass ich nicht einen einzigen Musiker kannte. Ich hatte aber über die Cassetten einen Journalisten vom Marabo Magazin aus Bochum kennengelernt, Arthur Schilm, der leider inzwischen tot ist, und der hat mir einen Kontakt zu einer Jazz Rock Band vermittelt und so bin ich mit Ralf und Keith ohne jede Probe ins Studio gegangen und wir haben in 2 Tagen die Supermüll aufgenommen, in 2 verschiedenen Studios, da der Besitzer des ersten das ganze so schrecklich fand, dass er uns rausgeworfen hat und mir sogar verboten hat sein Studio auf der Platte zu erwähnen. Bei der 2. Session kam dann auch ein anderer Freund von Arthur vorbei, Robert Lipinsky , der dann auf den nächsten 3 Regierungs Platten Bass gespielt hat, und hat ein paar Gitarren Overdubs gemacht.

Ich hab dann meinen Überziehungskredit Bei der Volksbank Haltern ausgereizt, die Platte pressen lassen, 3 Exemplare an den Musikexpress, an Spex und ans Marabo verschickt und mich nicht mehr viel drum gekümmert, hab mich neu in meine 1. Liebe verliebt ( das ist die Loswerden Geschichte auf der Reisen im eigenen Land ) und das Musikmachen mehr oder weniger abgehakt. Die Platten standen dann über 8 Jahre im Keller meiner Eltern rum, die schon versucht hatten, sie loszuwerden, aber Vinyl ist ja Sondermüll, bis Carol von L’Age d’or sie ’92 für 2 Mark das Stück aufgekauft hat und jetzt sind sie alle weg.

Ist nicht ganz von dieser Welt, die Supermüll, kann man eigentlich mit nichts anderem vergleichen, rockt schon irgendwie, ist auch irgendwie komisch, unschuldig, extrem und nur für wenige. Michael Ruff hat sie dann ’91 oder so als die beste deutsche Platte der 80 er in der Spex bezeichnet, ist schon eine ziemliche Auszeichnung und wahrscheinlich nur ein bisschen übertrieben, wenn man bedenkt was in der Zeit alles rausgekommen ist, aber das hat schon dazu beigetragen, dass es dann ’92 die Regierung wieder gab.

Die Regierung „So allein“ – LP|CD – Scratch ’n Sniff – 1990

Das war nur eine Geschichte von ein paar Wochen, da hatten wir wieder eine Band und sogar einen Plattenvertrag mit dem berühmt berüchtigten Alfred Hilsberg. Robert war inzwischen Sozialarbeiter und machte ein Praktikum in einem Jugenzentrum, und einer von den Jugendlichen, die er betreute war Thomas Geyer, der gerade anfing Schlagzeug zu spielen und irgendwie fand ich mich auf einmal mit den beiden im Proberaum wieder, Armin Hess, den ich aus der Taxi Betriebsport Fussball Mannschaft kannte, war auch auf einmal dabei und dann waren wir ziemlich schnell im Studio und haben die So allein aufgenommen.

Ich hab genau 2 Cassetten von den Aufnahen an L’Age d’Or und an Alfred geschickt und der Alfred wollte es dann tatsächlich haben und hats wirklich rausgebracht. War dann ( bin ich irgendwie ein bißchen stolz drauf) die zweitschlechtsverkaufte Platte in seiner ( an Flops bestimmt nicht armen) Firmengeschichte, direkt nach einer Platte von Knusperkeks. Auf jeden Fall waren wir die einzige Band in Essen mit einem Plattenvertrag, nicht dass das dort irgendjemanden beeindruckt hätte, wir haben dort mal 2 oder 3 Auftritte in Roberts Jugendzentrum gespielt und haben die 10 Leute , die gekommen waren ziemlich schnell vertrieben. Aber durch die Platte hatten wir dann schon ab und zu mal einen Auftritt irgendwo in Deutschland und nach 31 Shows haben wir dann in Rüsselsheim tatsächlich unsere erste Zugabe gegeben, konnten wir gar nicht fassen, wir haben uns erst mal alle umarmt.

Der Sound auf der Platte ist mehr so 60’s mässig, eigentlich keine Lead Gitarre, gnadenlos die 3 Akkorde mit 2 Rhythmus-Gitarren durchgespielt, den Gesang haben wir auf einigen Stücken über die Geangsanlage des Jugendzentrums aufgenommen, was, sagen wir mal, interessant klingt, und ist auch nicht wirklich von dieser Welt, ganz gut, glaub ich, ich muss schon lachen, wenn ich mir das heute anhör, aber da ist auch ein Respekt, den ich empfinde, so wie Thomas mir mal gesagt hat: „Ich weiß nicht wieso ich da mitmach, aber ich hab das Gefühl ich muss einfach.“

Der Alfred wollte dann doch keine 2. Platte mehr mit uns machen, aber 4 Wochen danach hatten wir tatsächlich wieder einen neuen Vertrag mit L’Age d’Or.

Die Regierung „So drauf“ – LP|CD – L’Age d’Or – 1992

Hier kommt Thiess, er brauchte uns und wir ihn. Ich war auf jeden Fall froh, dass wir jetzt jemanden in der Band hatten, der ganau das machen wollte, was wir machten und der dazu noch richtig gut am Klavier und an der Orgel war. Und er kannte jeden in der deutschen, tja, wie wollen wir sie nennen, Indie-Szene und auf einmal gehörten wir beinahe richtig dazu, hingen ab mit Leuten, von denen wir vorher nur in der Spex gelesen hatten, und die erzählten mir, wie gut wir seien, was mir schon gefallen hat, für eine Zeit. Mein Bruder hat mir damals gesagt: Ach komm, der Deal ist doch so, die sagen Dir Du bist gut und dafür sagst Du dann, dass sie gut sind und ich schätze, das ist wahr, aber nicht desto trotz, war das eine gute Zeit mit dem was dann die Hamburger Schule genannt wurde.

Vorab wurde eine Single mit ‚Komm zusammen‘ und ‚So drauf‘ für die Promotion gepresst und L’Age d’Or berichtete in der Presseinfo stolz: „Nach dem Regierungswechsel von Scratch n Sniff zu L’age d’Or erscheinen aktuelle Regierungsverlautbahrungen folgerichtig ab jetzt bei uns“. Und die Platte wurde richtig gut, finde ich, eigentlich alles Hits. Vorher war das schon ein interessanter Raum, den wir geschaffen hatten, aber man konnte sich da nicht so lange aufhalten, das war einfach zu ,hm irgendwas, jetzt waren wir mehr verbunden , wir hatten die besten Songs, und so langsam aber sicher fingen ein paar Leute an, das zu regristrieren. Später wurden „Ich erinnere mich“ von Bernd Begemann und „So drauf“ von Alexandra Gilles Videla gecovert und auf CD veröffentlicht.

Wir haben dann auch unsere ersten richtigen Tours gemacht, war allerdings immer noch ziemlich traumatisch live, kaum mal eine Zugabe gespielt und wenn 30 Leute kamen, war das für uns schon ganz erfreulich. Ist schon ein verrücktes Gefühl den ganzen Tag im Bus zu sitzen und dann vor 2 Leuten in Albersdorf in Schleswig Holstein zu spielen, die dann nach der Pause auch nicht mehr da waren. Aber eine Band wird eine Band im Bus, vielleicht noch mehr als im Proberaum, im Studio, auf der Bühne.

Auf der ‚So drauf‘ ist dann als Bonus-Track der CD auch ‚Loswerden‘, was sich mit der Zeit zu unserem bekanntesten Stück entwickelt hat, ich hab mir damals immer vorgestellt, wenn ein Paar das Stück im Autoradio hört und sie dann merken, dass sie sich nicht loswerden wollen, das muss ein schöner Moment sein, ich hab das dann auch Christiane von den ‚Lassie Singers‘ erzählt und dann ist sie mit ihrem Freund mit dem Auto in den Urlaub gefahren und sie haben das Stück gehört, aber das war dann wohl doch nicht so schön. Wir hatten den Song vorher schon ein paar mal aufgenommen, aber er haute einfach nicht richtig hin, er brauchte Thiess. Thomas mochte Loswerden überhaupt nicht, deshalb ist es nur ein Bonus-Track, der später von den ‚Lassie Singers‘ und auch den ‚Walkabouts‘ gecovert wurde.

Ich hab mal für einen Monat oder so bei L’Age d’Or im Büro gearbeitet und in der Zeit haben sie eine Umfrage unter Journalisten gemacht, wer ihre beliebteste Band sei, und, hey, das waren wir, knapp vor Huah aber weit vor allen anderen.

Die Regierung „Unten“ – LP|CD – L’Age d’Or – 1994

Unsere erste produzierte Platte. 3 Wochen Studio am Stück mit Herman Herrmann als Produzent und Chris v. Rautenkranz am Mischpult. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaub wir hatten uns schon vorher entschieden uns aufzulösen. Mein Verhältnis zu Thiess war ganz schön angeknackst, vor allem deshalb, weil ich mit ihm zusammen gezogen war, was dann überhaupt nicht zusammen passte und irgendwie wollten alle sowieso ihr eigenes Ding machen. Aber wir wussten auch das wir noch dieses eine Platte auf Lager hatten und die musste einfach noch raus.

Herman hat nicht nur produziert, sondern auch viel Gitarre gespielt, und das brachte uns noch mal ein ganzes Stück vorwärts, er spielt diese fast zärtliche, melodiöse aber immer auch geerdete Gitarre, und die versteht sich gut mit Thiess Klavier (komischerweise wollen beide immer lieber was anderes machen) und dann war da noch Mense mit, wie soll ich sagen, seiner Mensigkeit, wir hatten eine ziemlich geile Band zusammen.

Das mit der harten konzentrierten Studioarbeit war nicht so ganz unser Ding, ich mein 2 Tage an einem Stück rummischen hat mehr so den Charakter von montags morgens zur Arbeit gehen, aber es gab auch Momente wo die Musik auf einmal ganz überraschend entstand, das ist der beste Moment, die Sekunde zwischen Kommen und Vergehen, so wie die Melodie bei ‚Nicole‘, Mense mit drei paralell geschalteten Marshall Verstärkern beim ‚Runterbringer‘, oder wie sich ‚ein Idiot mehr‘ noch auf die Platte geschlichen hat. Aber irgendwann hatten wir dann keinen klaren Blick mehr, wussten gar nicht ob das nun gut ist oder nicht und sind nach Hause gegangen.

Als Herman und Chris das Tape bei Lado abgegeben haben, waren die total entsetzt, haben erst mal eine Krisensitzng einberufen, wie die Platte zu retten sei. Thiess, Herman und ich sind dann noch mal für einen Tag ins Studio und haben noch mal 4 Songs zu dritt aufgenommen, Chris hat das Mastertape noch durch irgendein Gerät gejagt und dann war alles gut, und einer nach dem anderen kam an und sagte, die Platte ist doch gut geworden und seitdem wird sie eigentlich immer besser.

Die Tour zur Platte war dann das Beste was wir in der ganzen Zeit erlebt hatten, wir haben uns super verstanden, haben jede Menge Leute kennengelernt und waren angekommen, ein guter Moment um aufzuhören. Wir wussten nicht warum, aber wir mussten das machen und dann mussten wir alle was anderes machen.

Die Regierung „Alles gar nicht wahr“ Sturm und Twang Sampler – 1995

Nachdem alle Jungs der Regierung die Band nach der Unten Tour verlassen hatten, hab ich nochmal versucht mit Herrmann Herman die Regierung am Leben zu halten, aber Herrman wollte nicht so recht und war nur noch bereit einen Song für einen Spex Sampler mit mir zu machen, „Alles gar nicht wahr“, immerhin war das eine schöne Sache, eine Nacht im Soundgarden, Herrmann spielt alles ausser der Akkustikgitarre und ich sing durch eines der ersten Handys…

Tilman dazu im Interview mit Christoph Koch im Headspin #14:

Tilman: …Wobei das ja auch ganz gut sein kann, z.B. das letzte Regierungsstück „Alles gar nicht wahr“, auf diesem Sturm & Twang-Sampler, kennste das?

Headspin: Klar, das finde ich einen der besten Regierungs-Songs!

Tilman: Das haben wir z.B. durchs Telefon aufgenommen, deswegen versteht man auch den Text oft nicht so richtig.

Headspin: Ich hatte da nur bei der zweiten Zeile Probleme: „Und er sagt:was ist das für ’ne Szene?“ – und dann?

Tilman: „Und er sagt: Was ist das für ’ne Szene? Sie teilen die ganzen Leute auf in Gute und in Schweine“. Und den Rest haste so ohne weiteres verstanden? Dann gehörst du ja schon zu den Fortgeschrittenen…

Headspin: Super fand ich natürlich die Zeile „alles was sie wirklich interessiert ist Koks und ihre Frisuren“. Würdest du das in Bezug auf die Hamburger Szene, um die es in dem Stück ja geht, wirklich so sagen?

Tilman: Das ganze Stück ist ja nach einer Diskussion entstanden, die ich auf einer Party mit einer Frau hatte {Headspin #9 berichtete] und in der mir vorgeworfen wurde, einfach nur neidisch zu sein, weil ich einfach nicht richtig zu dieser ganzen Hamburger Schule dazugehöre. Nur daß ich in dem Lied aus „ich“ „er“ gemacht habe, weil ich mir das einfach mal aus der Distanz anschauen wollte. Ich war mir über die ganze Position noch nicht so ganz sicher und wollte einfach mal sehen, wer da nun recht hat bzw. ob es da überhaupt drum geht.. Und wegen dem „Koks und ihre Frisuren“, das bezieht sich schon auf Hamburg, ist aber natürlich auch übertrieben, ich glaube so platt ist niemand. Es gibt Anlaß, so eine Aussage zu machen, aber sie ist dann letztlich nicht aufrecht zu erhalten. Ich meine, es gab einen Grund diesen Song zu schreiben, das muß man so sagen und es spielt in Hamburg und es war damals ein wichtiges Thema für mich…

5 Comments on “Die Geschichte der Regierung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *