Von Hamburg bis München: Die Tilman Rossmy (Quartett) Platten-Story

Tilman Rossmy „Willkommen Zuhause“ – CD – L’Age d’Or – 1996

Also entschloss ich mich zu einer Solokarriere, ich hab ein paar Auftritte allein absolviert, die allesamt zwischen geht so und traumatisch abliefen. Trotzdem hab ich in dieser Zeit den Schritt zum professionellen Musiker gemacht, was allerdings erstmal jede Menge Studentenjobs bedeutete… Aber da war so eine Eldorado Stimmung in der Hamburger Szene, die Sterne waren bei der Sony untergekommen, und Carol bot mich überall bei den grossen Plattenfirmen an, Vorschuss mindestens 200 000 Mark, komischerweise wollte niemand zuschlagen, aber das war nur eine Frage der Zeit.

Da ich jetzt allein war musste auch ein Produzent her, jemand hatte L’age d’or erzählt, dass Howe Gelb ein grosser Regierungs Fan sei, also sind wir zu ihm hin und haben ihn gefragt, aber er hatte noch nie was von uns gehört, war sehr kauzig und sagte: „If you want a producer you wouldn’t want me“ und damit war die Sache erledigt. Da das Album ziemlich Country beeinflusst werden sollte, hab ich dann die Hamburger Country Experten, wie Detlef Diedrichsen, Tex und Thomas Wenzel gefragt, die waren auch interesssiert, aber immer so Hamburgerisch mässig interessiert, if you know what I mean, und eines abends bin ich nach Hause gegangen und hab mir gedacht, ich wünschte es gebe jemanden, der diese Platte genauso dringend machen will, wie ich selbst, und da fiel mir ein dass es so jemanden gab, Bernd Begemann, der mir schon eine ganze Zeit lang seine Dienste angeboten hatte.

Lado war nicht so super begeistert, schätz ich mal, aber das waren Zeiten, in denen künstlerische Freiheit noch einen guten Namen hatte, und so gaben sie uns ein Budget, ich bin erstmal in den Urlaub gefahren und als ich zurückkam hatte Bernd schon die ganzen Musiker zusammengesucht und eine Woche später sollte es schon losgehen. Die Jungs, die er ausgesucht hatte, waren nicht gerade Hamburger Schule kompatibel, ex-Jeremy Days war in meinen Kreisen nicht unbedingt die beste Referenz, aber sie waren klasse, das war einer der besten Erfahrungen, die ich im Studio gemacht habe, es war irgendwie so leise und einfach und da war eine Menge Respekt zwischen den Musikern, Bernd war einfach ein Schatz, Stefan Rager hatte diesen unglaublich zurückhaltenden Beat, Stefan Will spielte diese soulige Orgel und E-Piano, Frank Schmielchen, der Bassist war nur gut und dann war da noch Folke Jensen, der genau die Gitarre spielte, die ich hören wollte.

Lado hatte mich inzwischen bei Rough Trade untergebracht, mit einem ganz ordentlichen Budget für zwei Platten und ich bin dann zum erstenmal auf Interview Tour gegangen, 120 Stück in 10 Tagen, wir haben ein Video gedreht in Budapest, was auch erstaunlicherweise nur Spass gemacht hat und dann sind Bernd und ich mit der Supermusikband auf Tour gegangen. Die beiden Stefans konnten nicht, also hat Bernd aus seinem unendlich grossen Bekanntenkreis irgendwie Rob und Ralf an den Start gebracht, wir hatten 22 Tage, einen Tour Manager (Nick Cacavas, der Bruder von Chris, wenn ihr mal die Chance habt mit ihm zu arbeiten, lasst sie euch nicht entgehen) und jede Menge Spass, where have all the good times gone, ich hab selten in meinem Leben so viel gelacht wie auf dieser Tour. Ich hab mit der Band und Bernd immer die erste Stunde oder so gespielt und mich dann an der Bar aufgehalten, mindestens drei Stunden, ihr kennt Bernd, eine der seltenen Gelegenheiten, in denen man seiner eigenen Band zuschauen kann, hat mir immer gut gefallen, ausser in Bielefeld, wo die Leute für meinen Geschmack ein bischen zu Bernd-hörig waren. Irgendwann auf der Tour hat Folke zu mir gesagt: „Wir beide müssen auch mal was zusammen machen“, was mich sehr stolz gemacht hat, und was ich mir dann fest vornahm.

Irgendwie war alles was mit der „Willkommen Zuhause“ zusammenhing nur gut, na ja, die Verkäufe waren wie immer nicht so doll, selbst auf der Tour hatten wir meistens weniger Leute als Bernd bei seinen Solo Shows und es war auch im Prinzip schon das Ende meiner Hamburger Zeit, es war wie nach meinem Jahr als Austausch Schüler in Amerika, wenn du einmal weg bist, kommst du nicht mehr richtig zurück, du findest deine alten Freunde nicht mehr wieder, nicht in dir, auch diese Form von Energie, die wir mit der Regierung hatten.

 

Tilman Rossmy „Selbst“ – CD – L’Age d’Or – 1997

Also war das schon mal klar, die nächste mach ich mit Folke, Lado war zufrieden, Budget war da, los gehts, schon ein paar Wochen nach der Tour, ich steh morgens auf und arbeite an Songs, wir denken alle, dass wir mit Maria einen potentiellen Hit haben, ich lebe das Leben eines professionellen Musikers, bin tagelang im Studio, Folke und ich nehmen das meiste erstmal alles zusammen alleine auf, Rob und Ralf kommen erst später zum overdubben, zwischendurch klopft ein unbekannter Rapper namens Nana an die Studio Tür und wird wieder weggeschickt, das Studio ist belegt, „Wiitgenstein sagt“ haben wir über drei Tage lang abgemischt, Dirk von den Tocos singt „Das gute wilde Leben“, wir haben ausgefeilte Chöre, experimentieren eine Menge, arbeiten hart, die Platte geht ziemlich unter.

Ich weiss auch nicht, im nachhinein denke ich das meine professionelle Attidüde, dass heisst nicht unbedingt einen Song zu schreiben, weil eine Inspiration da ist, sondern Songs zu arbeiten, den einen oder anderen Song produziert hat, der nicht unbedingt auf eine Platte musste, andererseits sind da auch eine ganze Reihe von Stücken, die wir immer noch live spielen und die auch sehr gut aufgenommen worden sind, finde ich, Maria, Wittgenstein sagt, Zug nach Lübeck, Irgendwann, Ich steh allein… auf jeden Fall leitet diese Platte das Ende meiner 15 Minuten als angesagter Geheimtip ein, die Stimmung bei Lado und Rough Trade ist ziemlich unten, das wars, machts gut.

Und es ist auch der Anfang vom Tilman Rossmy Quartett, ich bin ein bischen nervös die Supermusikband jetzt für mich alleine zu haben, Berthold Seliger kriegt gerade mal 9 Shows für die Tour zusammen, aber irgendwie wird es dann deutlich das wir zusammenbleiben, die Räder rollen, uns gehts gut, Jesko am Bass, 13 Leute in München, 170 in Innsbruck unterhalb der Sprungschanze, Hank der später unsere Homepage macht, turnt auf der Bühne im Hamburger Logo rum…

 

Tilman Rossmy Quartett „Passagier“ – CD – Glitterhouse – 1998

Die dritte Platte im 1-Jahres Rhytmus. Ich immer noch Profi, obwohl ich schon ahne, dass …wir zum ersten mal als Quartett im Studio, zwei Sessions a drei Tage oder so, geht gut, die Band lebt, da ist eine Art Zufriedenheit mit dem Zustand, in dem wir sind, niemand von uns ist so ein Independent Fredi, aber hey, wir sinds, produzieren selbst, wollen die Platte selber rausbringen, aber wir haben sogar so eine Art Manager, Thomas Köster ( jetzt bei Karsten Jahnke) und der bringt uns irgendwie bei Glitterhouse unter, find ich ganz gut, hab in den achtzigern immer deren Fanzine gelesen, haben mich damals auf eine (teure) australische Garagen Punk Phase angefixt (Radio Birdman et al.).

Die meisten Leute bezeichnen die Platte als warm, ’15 Jahre‘ war wieder so ein Song, der es vom Soundcheck-Spass auf eine Veröffentlichung geschafft hatte (wie ‚Wittgenstein sagt‘ und ‚Bodycount T-Shirt‘), viele Songs sind aus zwei grossen Amerika Reisen entstanden, der ‚251. Song‘ ist eins unsere besten Liebeslieder, ‚Erinnerst du dich an Liebe‘ kriegen wir live leider irgendwie nicht hin, ein Song heisst ‚diese Welt ist mein Zuhause‘, schön, als wollte ich es erzwingen, stimmt bloss nicht.

Danach passiert erst einmal recht wenig. Es folgten einzelne Veröffentlichungen auf Samplern: ‚Grosser schwarzer Vogel‘ auf Tom Liwa’s ‚Paradies der Ungeliebten‘-Sampler oder eines von Hank’s absoluten Lieblingsstücken ‚Ich lass mein Licht scheinen‘, das auf einem ‚Out of the Blue‘-Sampler veröffentlicht wurde. Ausserdem wurden einige Songs ausgegraben und als MP3-Downloads auf der Homepage abgeboten, u.a. ‚Leichter‘, das ursprünglich als B-Seite für eine ‚Raus aus diesem Büro‘-Maxi aufgenommen wurde.

 

Tilman Rossmy Quartett „Reisen im eigenen Land“ – CD – Glitterhouse – 2001

Hatte ja nun genug Zeit mich mit meinem Musiker-Dasein auseinanderzusetzen, was bedeutet das eigentlich etwas veröffentlichen zu wollen, hab auch ein bisschen was gelesen, entscheide mich also, die nächste Platte mach ich erst, wenn mich dazu jemand einlädt. Ich muss auch gar nicht so unheimlich lange darauf warten, die Band will die Regierungs-Songs, die wir immer öfter live spielen (oh nein, Tilman, nicht schon wieder einen neuen Song, lass uns lieber etwas von diesen geilen Regierungs-Sachen spielen) aufnehmen, also machen wir das.

Dann verabschiedet sich Rob nach San Franzisco, ich zieh in den Schwarzwald, die Sachen bleiben fast zwei Jahre lang liegen, bis Folke und Ralf sich aufraffen und das Ding abmischen, diesmal bringen wir es wirklich selbst raus und zum erstenmal in meiner Geschichte macht eine Platte Gewinn!

Was soll ich sagen, ich denke, dass einige Songs besser rüberkommen, als mit der Regierung, andere nicht, es ist halt eine andere Form von Energie, zwischendurch mache ich eine harte Zeit durch und mitten drin trifft der fertige Mix ein, ich hör ihn auf langen Autofahrten und empfinde die Musik als grossen Trost, play alone, könnte man aufs Cover schreiben, auf der Tour in Dortmund kommt dann nach der Show eine Frau zu mir und sagt genau das, Trost, das gibts auch noch, ganz tief unten.

 

Tilman Rossmy Quartett „seitdem man mich…“ – CD – Glitterhouse – 2002

Diese Platte war überreif, wir hatten jede Menge Stücke, mehr als wir brauchten, viele Sachen hatte ich schon vor der ‚Reisen‘ geschrieben, einige Songs noch aus meiner Hamburger Zeit, Lieder von Rumi, Hafis und Omar Kayam, ein Lied handelte von einer Nachtigall, wir haben unsere Fans, die ja jetzt wieder etwas zahlreicher waren, nicht geschont. Dazu haben wir eine ziemlich lange Tour gemacht, 19 Tage ohne einen einzigen Offday, mit einer Vorgruppe, die wir mittendrin nach Hause geschickt haben, weil die Leute sich beschwert hatten, dass wir immer erst so gegen halb zwölf gespielt haben, war leider nicht so ganz stimmig. Aber auch mit ein paar Highlights, z.B unser zweiter Auftritt im ‚Holz und Farbe‘ in Berlin, werde ich nie vergessen, wild und nett, irgendwie hatten wir einfach einen Draht zu den Leuten da, ganz tief unten im Wedding, jeder Zeit wieder!

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